Wien seit 1920
Ohne Sorge
… lautete der Name des Cafés bei seiner Gründung im Jahr 1920, wenngleich natürlich ins Französische übertragen: „Sans Souci“. Und ein wenig schwingt diese Selbstversicherung noch immer mit. Der Bräunerhof wollte nie Ringstraßen-Café sein, mit schweren Kristalllüstern, reichlich Stuck und edlen Holzvertäfelungen. Und es wurde auch nie das schicke Bobo-Café mit seinen Vintage-Möbeln, wo das Getränke- angebot „Third Wave Coffee“ bezeichnet wird. Er ist ein Klassiker abseits der ausgetretenen Pfade, wenngleich ganz in ihrer Nähe. Und er kommt nach allen Renovierungen ohne üppige Ausstattung aus, die uns Gemütlichkeit suggeriert. Wozu auch? Um Karl Kraus zu bemühen: Gemütlich sind wir selber!
Die Stallburg
… gibt der Gasse ihren Namen. Die Habsburger hatten im betreffenden Teil der Hofburg Ställe und Rüstkammer, heute sind die Lippizaner dort unter – gebracht. Im Bräunerhof herrscht dennoch keine Habsburger – Nostalgie. Hier funktioniert Zeitlosigkeit ohne Kaiser – Reminiszenzen. An Geschichte im Haus erinnert der Schriftsteller Alfred Polgar (1873 – 1955), der oberhalb des Lokals eine Wohnung hatte. Wenn er abends von seinen Kaffeehaus – Touren zurückkam, sah er den Leibwächter von Engelbert Dollfuß, Kanzler im autoritären Ständestaat und ebenfalls Bewohner des Hauses, im Schein einer trüben Lampe angestrengt Detektivromane lesen.
Der Bräunerhof wurde weder ein Politiker – Café, wenn auch eine wichtige TV – Konfrontation zur Wiener Gemeinderatswahl darin stattfand, noch wurde er Literaten – Café, wenn auch ein wichtiger Autor der 2. Republik darin seinen Stammplatz fand: Thomas Bernhard.
Die Kaffeehaus-Aufsuchskrankheit
… ist eine typische Thomas-Bernhard-Wort-schöpfung. „Mir genügt, wenn ich ab und zu ins Kaffeehaus geh und zuschaue, wie die anderen reden“, spielte er diese seine „Krankheit“ in einem Interview herunter. Es war aber auch das umfangreiche Zeitungsangebot, das ihn ins Café Bräunerhof brachte.
„Es ist mir kaum erträglich, einen Tag ohne Zeitung zu verbringen.“
Zuweilen aber war die Zeitung nicht nur gesuchter Stachel zum Widerspruch und Antrieb für Bernhards Schreiben. Die Zeitung konnte dem nicht eben als Menschenfreund bekannten Literaten – ganz anders als das Handy heute – Deckung bieten gegen ungebetene Grüßer aller Art.
Durchaus gebeten war die Aufmerksamkeit und die Kameralinse von Sepp Dreissinger, Doyen österreichischer Fotokunst. Mit seinen Portraits von Thomas Bernhard im und vor dem Café Bräunerhof trug er nicht nur maßgeblich zum öffentlichen Bild des Autors bei, sondern auch zum Ruf des Bräunerhofs als „Bernhard-Café“.
Wittgensteins Neffe
… ist eine Erzählung von Thomas Bernhard, in der das Café Bräunerhof eine wichtige Rolle einnimmt. Der Ich-Erzähler hat am Café – ganz bernhardtypisch – naturgemäß einiges auszusetzen.
„Das typische Wiener Kaffeehaus, das in der ganzen Welt berühmt ist, habe ich immer gehaßt, weil alles in ihm gegen mich ist. Andererseits fühlte ich mich jahrzehntelang gerade im Bräunerhof, das immer ganz gegen mich gewesen ist (wie das Hawelka), wie zuhause …“
Thomas Bernhard, Wittgensteins Neffe, Suhrkamp 1982
Mythos Literatencafé
Die Annahme, ein typisches Wiener Kaffeehaus sei automatisch ein Literatencafé, gehört zu den- selben Mythen wie die Vorstellung, dort werde vor allem Kaffee getrunken. Das Typische am Wiener Kaffeehaus ist seine Atmosphäre, deren Beschreibung selbst anlässlich der Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe 2011 nur unzureichend gelang. In Anlehnung an Augustinus lässt sich sagen: Wenn mich niemand fragt, was das Café Bräunerhof ausmacht, weiß ich es, aber wenn ich es jemandem erklären möchte, weiß ich es nicht.
Anekdoten über Schriftstellercafés überziehen die Wiener Kaffeehauswelt wie die Obershäubchen den Einspänner. Wer Platz nimmt, erfährt rasch, welche Allerwertesten des Wiener Kulturlebens ebendort bereits gesessen sind. Hier im Bräunerhof sind noch einige Plätze frei, an denen Geschichte erst geschrieben werden muss.